La Universitat Autónoma

Bei den ganzen Beiträgen über Sehenswürdigkeiten, Festivals und Partys fragt ihr euch sicherlich langsam: Studiert sie denn auch irgendwann mal?! Hier also ein Beitrag zum Uni-Leben.

Die ersten zwei Wochen an der Universitat Autónoma (UAB) waren Chaos. Alle Erasmus-Studenten rannten aufgeregt von A nach B. Man musste sich hier und da und dort registrieren, diesen und jenen Zettel mitnehmen, da und dort nachfragen. Aber das ist ja immer so in den ersten Wochen an der Uni, insbesondere als Erasmus. Als wir dann endlich verstanden hatten, wie wir uns Kurse aussuchen können und wo diese stattfinden, gab es das nächste Problem: Die Sprache. Barcelona ist, wie ihr wisst, in Katalonien. Die Amtssprache hier ist *castellano (also spanisch) und katalan. Doch das Motto der ersten Wochen lautete: Finde den Kurs, der nicht in katalan ist!

*castellano ist die Bezeichnung für die gesamte spanische Sprache, also auch über die Ländergrenzen Spaniens hinaus. Diese Bezeichnung ist meiner Meinung nach korrekter. Deshalb werde ich in Zukunft nur von “castellano” statt “spanisch” schreiben.

Kurswahl

Nach ein par Tagen habe ich zufällig erfahren, dass man auf der Internetseite der Uni die Sprache der Kurse einsehen kann, also ob sie auf castellano, katalan oder englisch gehalten werden. – Pah, als ob man von der Kommunikationswissenschaft hier englisch erwarten könnte! Aber das nur am Rande. – Also habe ich mich bei der Wahl meiner Kurse komplett nach der Sprache gerichtet und nur die herausgesucht, die auf castellano sind. Tja, aber auch hier wurde ich eines Besseren belehrt: Nur weil im Netz steht, der Kurs sei auf castellano, heißt das nicht, dass dem so ist! Somit waren einige Kurse doch auf katalan und da ist es für mich fast unmöglich etwas zu verstehen.

Nun belege ich Seminare, die zwar auf spanisch sind, doch diese sind für das erste Semester Bachelor konzipiert. Somit sitze ich als Masterstudentin im letzten Semester mit lauter Erstis in einem Seminar.
Die Gründe dafür:
1. kann ich hier als Erasmus keine Masterkurse belegen (Grund: Das ist eben so.) und
2. sind die Seminare für die ersen Semester eher auf spanisch als auf katalan.

Der Unterrichtsstil

Jedes Seminar geht drei Stunden und das teilweise ohne Pause. In den Räumen gibt es keine Klimaanlage und die Zahl der Seminarteilnehmer bewegt sich zwischen 50 und 100 Personen. Eines meiner Seminare heißt “Geschichte der Kommunikation”. Ich dachte zunächst es sei ein gutes Seminar für mich, da ich die Theorie kenne und mich ausschließlich auf die Sprache hätte konzentrieren müssen. Nun ist es aber so,  dass ich zwar die Wörter verstehe, aber den Sinn dahinter nicht.

Ein Thema des Seminars war zum Beispiel: “Was ist eine Familie?” Wir sprachen über die Formen der Familie, bzw. der Dozent sagte uns einfach nur, dass es Großfamilien gibt, gleichgeschlechtliche Eltern mit Kind und dass die gleichgeschlechtliche Ehe in Spanien erlaubt ist. Aber das war auch schon alles. Keine Diskussion, kein Hinterfragen. Und genauso wird hier unterrichtet: Schreib auf, was der Lehrer dir sagt und glaube es. Hinterfrage nicht!

In der vergangenen Sitzung projizierte der Dozent Fotos von Jugendlichen an die Wand. Auf einem der Fotos war ein Mädchen mit knallrot gefärbtem Haar und blasser Haut zu sehen. Ihre Kleidung war komplett schwarz. “Wo kommt dieses Mädchen her?” fragte der Dozent. Die Studenten riefen durcheinander: “London…nein, sie kommt aus Berlin…” Und der Dozent antwortete: “Ja, richtig, sie kommt aus Berlin”. Wieder verstand ich zwar die Worte, aber den Sinn nicht. “Warum denn das?” fragte ich, doch niemand der spanischen Studenten um mich herum schien sich das zu fragen. Stattdessen: Nächstes Foto. Nächste Vermutung über die Herkunft. Ich konnte froh sein, dass er nicht auch noch Fotos von dunkel-häutigen Menschen gezeigt hat und nach deren Stereotypen gefragt hat. Dann hätte ich mich wirklich nicht mehr beherrschen können.

In dieser Klasse werden Stereotypen ohne Sinn und Verstand, ohne wissenschaftlichen Hintergrund – generell ohne Grund! – gelehrt. Was dort gelehrt wird ist meiner Meinung nach schon fast eine Form des Rassismus, da die abgebildeten Menschen ausschließlich nach dem Äußerlichen kategorisiert wurden! Übrigens steht auf Arbeitsblättern, die wir bekommen, so etwas wie “Das ist die Kategorie der Juden und Zigeuner”…

Was die Studenten hier an dieser Uni in der Kommunikationswissenschaft lernen ist so lapidar, dass es lächerlich ist. Sie malen Sätze in ihrer Hefte wie: “Es gibt verbale und non-verbale Sprache” und unterstreichen diese zweifarbig. Es ist so lächerlich, dass es mich nicht nur wütend, sondern traurig macht.

Zu was werden diese Menschen ausgebildet? Für was sind sie einmal qualifiziert? Und wie sollen sie einmal Journalisten werden, wenn sie nichts, aber auch gar nichts hinterfragen? Überspitzt gesagt könnte man ihnen auch Sätze diktieren wie: “Die Erde ist flach” und sie würden es still und brav aufschreiben!

Spanien im Vergleich

Am Dienstag veröffentlichte der Spiegel einen Artikel zur OECD-Studie, in dem das Bildungsniveau von Erwachsenen zum ersten Mal weltweit getestet wurde. Spanien teilt sich mit Italien den letzten bzw. vorletzten Platz in der Kategorie Rechen- und Lesekompetenz und in der Kategorie Problemlösungskompetenz ist Spanien unter den letzten fünf der schlechtesten. So, wie hier unterrichtet wird, überrascht mich das nicht. Wobei das Ergebnis von Deutschland laut dieser Studie auch erschreckend schlecht ist!

Die UAB hat jedoch den Ruf, die beste Uni in Barcelona zu sein und die zweitbeste in ganz Spanien. Da frage ich mich, wie es dann an anderen Unis aussieht – lernen sie dort dann erst schreiben?!

Geneigter Blogleser, verzeih meinen Zynismus an dieser Stelle, aber es ist das pure Entsetzten, das aus mir spricht. Dabei tun mir diese jungen Menschen so Leid! Sie gehen mit großen Erwartungen an die Uni und sie sind gerade einmal 18 Jahre alt. Sie glauben demjenigen, der sich dort vor der Klasse “el profesor” schimpft. Und für diesen Müll, den sie lernen, bezahlen sie auch noch Geld! Das Studium ist in Spanien ist nicht kostenlos. Jeder einzelne Kurs kostet Geld. Somit sind sie anfangs auch noch alle sehr motiviert, arbeiten mit, machen brav ihre Hausaufgaben, die auch eher einer Beschäftigungstherapie gleichen.

Beispiel: 20 Stichwörter aus der vergangenen Sitzung stehen in einem Worddokument. Aufgabe: Erkläre jedes Stichwort und füge bei jedem ein Bild hinzu. 

Dieses 10-seitige Paket muss dem Dozenten jede Woche in gedruckter Form ausgehändigt werden. Bücher? Wozu! Es gibt das Internet. Unterrichtsvorbereitung? Wozu! Es gibt Suchmaschinen.

Doch ein gutes Haar

Die Ausstattung der UAB ist sehr gut: Jeder Raum ist mit einem Computer und Beamer versehen, sowie Boxen. Es gibt ein Fotolabor, in dem man selbst Fotos entwickeln kann und eine umfangreiche Sammlung antiker Kameras, die im Unterricht eingesetzt werden. Wahrscheinlich hat sie deshalb einen so guten Ruf, denn technisch ist nichts an der Uni aus zusetzten.

Ansonsten ähnelt der Campus einer kleinen eigenständigen Stadt: Es gibt ein Kino und ein Theater, einen Fotoladen sowie eine campuseigene Bücherei mit Schreibwarengeschäft. Außerdem ist die Uni von einem kleinen Wäldchen umgeben, sodass man in den Pausen im Grünen sitzen kann.

En resumen

Der Ort UAB als solcher ist sehr gut, da man Möglichkeiten hat, dort praktisch zu arbeiten. Bezüglich der Lehrmethoden kann ich ausschließlich über die Fakultät der Kommunikationswissenschaft und deren Erstsemesterkurse urteilen – und diese sind, wie beschrieben, erschreckend schlecht. Doch was ich daraus ziehe ist einerseits, dass ich wenigstens mein spanisch an der Uni verbessern kann. Andererseits ist es interessant, einen Vergleich zu einer Universität außerhalb Deutschlands ziehen zu können. Ich werde mich an die Methoden hier einfach gewöhnen müssen und Beste daraus machen. Auch wenn das sehr sehr schwer fällt…

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