Nachtrag zu “La Universitat Autónoma”

In meinem letzten Blog-Eintrag habe ich harsche Kritik an meiner Uni und deren Studenten geübt. Manche Leser meines Blogs und Hörer meiner Kolumne, mit denen ich persönlich Kontakt hatte, hat das sehr schockiert. Der ein oder andere hat es vielleicht sogar als übertrieben empfunden. In den vergangenen Wochen habe ich mich intensiv mit Katalanen über die Vorkommnisse unterhalten. Hier die Reaktionen dazu und jüngste Ereignisse.

“História de la comunicación”

Ich habe darüber geschrieben, wie schockiert ich über die Stereotypenlehre meines Profs aus dem Seminar über die Geschichte der Kommunikation war. Als ich zwei katalanischen Studentinnen, die uns Erasmus-Studenten betreuen, von diesem Professor erzählte, sagten sie beide sofort: “Dieser Professor ist rassistisch und seine Unterrichtsmethode schlecht!” Denn sie hatten sein Seminar bereits im vergangenen Semester besucht.
Es ist zwar schön zu hören, dass sie meiner Meinung sind aber dennoch steht da die Frage im Raum: Warum ist dieser Prof dann noch an der Uni, wenn er doch schlechten Unterricht gibt?

Das Paradoxe an jenem Professor ist: Er ist unfassbar hilfsbereit und freundlich, gerade gegenüber internationalen Studenten. Wir sind drei Deutsche (alle tatsächlich dem Klischee entsprechend blond) in seinem Kurs und er fragt uns nach fast jeder Stunde, ob wir alles verstanden haben und hat uns angeboten, die Hausaufgaben auf englisch zu schreiben, wenn wir es nicht auf castellano können. Außerdem spricht er ausschließlich castellano mit uns, damit wir ja folgen können und keine Probleme haben.

Was soll ich aus seinem Verhalten ziehen? Er ist rassistisch und lehrt Stereotypen, meint es aber nicht so? Mit dieser Ausrede kann ich mich schwer anfreunden aber zu einer anderen Erkenntnis bin ich bisher noch nicht gekommen.

“Comunicación audiovisual”

In meinem Kurs über audiovisuelle Kommunikation ist mir eine andere Form der Diskriminierung passiert, und das ist keine Übertreibung.

Doch vorweg eine Erklärung zur Struktur meiner Seminare: Jedes Seminar hat zuerst einen Theorie-Teil. Ist dieser Teil abgeschlossen, beginnt der praktische Teil und dafür bekommt man einen neuen Lehrer. Teilweise gibt es auch noch einen dritten Lehrer, der für bestimmte Hausaufgaben zuständig ist. In audiovisueller Kommunikation sind wir nun in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt: Eine Gruppe lernt zuerst etwas über Fotografie, die andere über Radio und die dritte über TV, in der ich bin. Somit ist das Seminar gerade dreigeteilt und in jeder Gruppe sind etwa 20 Studenten.

Am Freitagmorgen lernte ich zum ersten Mal meinen neuen Lehrer kennen. Er sprach katalan,  obwohl das Seminar doch in castellano gehalten werden sollte, was wir Erasmus-Studenten vorher geprüft hatten und danach unsere Kurse gewählt haben. Nach fünf Minuten meldete ich mich. Es dauerte eine Weile, bis er mich bemerkte (bemerken wollte?), obwohl wir nur wenige Leute in einem Saal waren, der Ränge wie ein Amphitheater hatte. Ich saß also etwas erhöht. Es kostete mich viel Mut und war das erste Mal, dass ich mir traute vor mehr als fünf Menschen in castellano zu sprechen.

Ich fragte ihn höflich, ob er doch bitte in castellano reden könnte, da ich ihn auf katalan nicht verstehen könne.  Alle vorderen Ränge drehten sich zu mir um. Er kam mit einem süffisanten Lächeln auf mich zu und fragte mich, wo ich denn her käme. “Aus Deutschland”, antwortete ich. “Hm, deutsch hat nicht so viel Ähnlichkeit mit katalan“, stellte er fest. “Ach nee!”, dachte ich, zwang mich aber zu einem freundlichen Lächeln. Er fragte mich weiter, ob ich denn wirklich gar nichts auf katalan verstehen könne und ob castellano besser für mich wäre. Ich sagte ihm (nun zum dritten Mal), dass ich wirklich kein katalan verstehen könne, es mir Leid täte und ja, dass castellano wirklich besser für mich wäre. “Kannst du denn ein bisschen französisch?”, fragte er weiter. Wie lange soll diese Frage-Antwort-Spiel denn noch gehen?!, dachte ich, antwortete aber brav weiter: “Nein, nur ein bisschen.” Und da hatte er mich, wo er wollte: “Na, wenn du ein bisschen französisch verstehen kannst, kannst du auch katalan verstehen.”

Nun ließ ich nicht locker und widersprach: “¿Pero como puedo entender algun?” (Wie kann/soll ich dann etwas verstehen?) – “Wir sind hier in Katalonien. Du solltest es versuchen”, antwortete er, drehte mir den Rücken zu, ging zurück zum Pult und fuhr fort auf katalan.

Aktion – Reaktion?

Ich war geschockt, eingeschüchtert und über die Maßen sauer zur gleichen Zeit! Dann begann ich nachzudenken: Kann ich als Ausländerin erwarten, dass er mit mir auf castellano redet? Er hat Recht, wir sind in der Region Katalonien und ja, ich wusste, dass hier katalan gesprochen wird und habe gehört, dass die Katalanen sehr stolz auf ihre Identität sind. Dennoch: Ich bin immer noch in Spanien! Die Menschen werden hier zweisprachig erzogen. Jeder kann katalan und castellano sprechen, auch wenn manche nicht ganz fließend letztere Sprache beherrschen. Doch von einem Professor an der Uni sollte und müsste man erwarten können, dass er beide Sprachen fließend sprechen kann.

Wie wäre die Situation in Deutschland?, überlegte ich: Ich kann Dialekt sprechen, würde aber niemals mit einem Austauschstudenten, der gerade deutsch lernt, im sächsischen Dialekt reden! Ich würde noch nicht einmal zu einem Schwaben in meinem Dialekt reden, weil ich weiß, dass er mich nicht verstehen kann. Nun ist katalan nicht nur ein Dialekt, sondern eine völlig andere Sprache, die man auch als spanischer Muttersprachler nur schwer verstehen kann.

Die Universität soll eine Denkfabrik sein; ein Ort, an dem man sich austauscht. Wie kann ich mich austauschen, wenn man sich mir absichtlich verschließt? Eigentlich will ein Lehrer doch, dass ihm seine Schüler folgen. Ist das nicht der Sinn von Lehre?

Meinung von Einheimischen

Nach diesem Vorfall kam ein katalanischer Student etwas später in das Seminar. Er kannte mich vom Sehen und setzte sich neben mich. Eine Weile später fragte er mich, ob ich denn etwas verstehen könne. Ich verneinte und erzählte ihm, was passiert war. Wütend schüttelte er den Kopf: “Das kann doch nicht war sein! Dieser Lehrer ist ein Nazi! Ein Nazi, hörst du! Das wirft so ein schlechtes Licht auf uns Katalanen!” schimpfte er und und wiederholte die Sätze auf castellano und englisch. Der Lehrer bekam es nicht mit.

Die restlichen Studenten reagierten auf den Vorfall nicht. Die meisten sind auch noch sehr jung. Der Student, der sich mit mir solidarisierte ist ungefähr Mitte 20. Auch diese Geschichte erzählte ich anderen Katalanen. Sie schüttelten nur den Kopf und sagten ebenfalls: “So etwas ist so, so schlecht für uns! Da zeigen wir uns überhaupt nicht offen.”

Im Vergleich

Die Ironie dieser ganzen Geschichte: Diese Probleme scheinen nur an der Fakultät für Kommunikationswissenschaften besonders groß zu sein. In Wirtschaftswissenschaft, Soziologie oder Politikwissenschaft gibt es solche Probleme nicht – zumindest, wie mir von (internationalen) Studenten erzählt wurde. Es scheint eine Ausnahme an dieser Uni zu sein und auch nicht alle Kurse und alle Lehrer meiner Fakultät sollen so schlecht sein. Anscheinend habe ich nur die volle Breitseite abbekommen, versuchen mich viele Studenten zu beschwichtigen. Nur irgendwie kann ich das schwer glauben

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