Die verrückte Wohnung – El piso loco

Als ich eine Wohnung in Barcelona gefunden hatte, war ich sehr froh: Lage: Top. Mitbewohner: Top: Fenster im Zimmer: Top. Preis: Meiner Vorkenntnis entsprechend. Doch nach einem halben Jahr kenne ich nun auch die hintersten Ecken dieser Bleibe, die nach und nach auseinander zu fallen droht.

Anderes Land, andere Wohnungen

Im Sommer und Herbst war in unserer internationalen Herberge die Wohnsituation noch erträglich, wenn auch einige Stellen und Ecken von Anfang an nicht optimal waren. Beim ersten Mal Duschen war ich zunächst über das schimmelnde Schwarz-grau an der Decke geschockt. Außerdem schien auch die Tapete im Wohnzimmer schon bessere Zeiten erlebt zu haben, denn die früher an der Wand befestigten Kabel haben einen unfreiwillig antiken Abdruck hinterlassen. Doch all das gehörte für mich noch zum “Abenteuer Auslandssemester” dazu. Im Lauf der Zeit stellte sich aber heraus, dass wir eine Vermieterin haben, die nichts tut als die horrende Miete einzustreichen und stets unangekündigt in der Wohnung erscheint sowie der Tatsache, dass sie ja eigentlich gar nicht unsere Vermieterin ist (mehr dazu hier).

Dann kam der Winter

Auch wenn das Wort “Winter” hier eine ganz andere Bedeutung als in Deutschland hat – bei 16 Grad und Sonnenschein hüllen sich die Leute in Wollmützen, Handschuhe und gefütterte Stiefel – so kann es nachts bei 8 Grad ziemlich kalt werden. Zumal die meist über einhundert Jahre alten Häuser in der Innenstadt Barcelonas wenig bis gar nicht isoliert sind. Doppelte Fensterscheiben gibt es nicht und die Riegel zum Schließen der Fenster klemmen überall. Somit ist es nicht nur hundskalt in der Wohnung, sondern ich kann von meinem Bett aus auch mit geschlossenen Fensterläden jedem Telefonat auf der Straße jederzeit unweigerlich lauschen. Fest installierte Heizkörper sind nicht vorhanden. Wir hatten bis Dezember zwei Elektroheizer, die wir uns zu sechst geteilt haben. Somit hatte jeder zumindest zwei- bis dreimal die Woche die Chance auf ein warmes Zimmer.

Alles neu im neuen Jahr

Als ich nach der Weihnachtspause wieder in Barcelona ankam, war der erste Tag ein Traum: Die Sonne schien und die neuen Mitbewohner Stefan und Sofia (Elli und Alberto sind im Dezember ausgezogen) hatten einen Staubsauger, einen Wasserkocher und einen Heizer für das Bad mitgebracht. Luxus pur in der L´Auberge Español!

Doch der Schein trog! Schon am nächsten Tag hatten wir einen Stromausfall in der Küche und den zwei Bädern. Wir sagten der Vermieterin Bescheid, doch meinte diese, sie wüsste nicht, was sie da tun solle. Nach eineinhalb Tagen ohne Licht in diesen Räumen und ohne funktionierenden Kühlschrank begaben Inès und ich uns auf die Suche nach dem Sicherungskasten und konnten so das Problem lösen. Nach zwei Tagen kam die Vermieterin in die Wohnung – wie immer ohne Vorankündigung, Geschweige denn zu klingeln! Als erstes fragte sie mich nach der Miete für Januar und dann erzählte ich ihr, dass wir das Problem gelöst hatten. “Oh, que inteligente” sagte sie nur.

Am selben Tag des Stromausfalls wollte ich im kleinen Badezimmer das Fenster schließen. Ich tippte leicht an eine der kleinen Scheiben, doch plötzlich war meine Hand im Freien und es schepperte laut. Die Scheibe war einfach heraus gefallen. Zum Glück lief gerade niemand auf der Straße entlang! Auch das wollten wir der Vermieterin mitteilen, doch meine Mitbewohnerin Angela riet davon ab. Bevor ich in meinem Zimmer wohnte, war dort auch die Fensterscheibe kaputt gegangen und der Bewohner des Zimmers musste dafür eine gehörige Geldsumme zahlen. Jetzt ist das Loch mit einer Pappe fixiert, die meine neue Mitbewohnerin Sofia liebevoll verziert hat.

Die Situation aktuell: Alles Gas

In Spanien wird zum Kochen und Heizen größtenteils Gas verwendet. Doch während der vergangenen Tage gab unser Boiler in der Küche (über den wir auch heißes Wasser bekommen) ein unregelmäßiges Klackergeräusch von sich und es roch nach Gas, wenn heißes Wasser lief. Ausnahmsweise handelte Isabel, unsere Vermieterin, diesmal verhältnismäßig schnell. Vor vier Tagen rief sie Sofia auf ihrem Handy an und sagte ihr, in einer halben Stunde komme der Gasmann. Außerdem sagte sie ihr eine Nummer durch, mit der Sofia leider nichts anzufangen wusste. Sofia kommt aus Russland, ihr spanisch ist gut, dennoch ist es schwierig mit unserer Vermieterin zu telefonieren, da sie Mexikanerin ist und ein ganz anderes spanisch spricht als hier. An diesem Tag kam jedenfalls kein Gasinstallateur.

Die folgenden Tage war Señora Isabel wieder ab morgens in unserer Wohnung. Jedoch nicht, um sich um das Gasproblem zu kümmern, sondern um wieder zwei neue Mitbewohner zu empfangen , besser gesagt, um deren Kaution von einer Monatsmiete gleich in bar abzufassen (Diego war schon im Dezember ausgezogen, Inès wohnt seit 1. Februar in einer anderen WG, die Glückliche.). Sobald sie diese hatte, verschwand sie und kam erst am nächsten Tag wieder.

Ungewollter Besuch

Am Dienstag ging sie sogar soweit, dass sie morgens an meine Tür klopfte – ich reagierte nicht, denn ich lag noch halb verschlafen im Bett – um schließlich eine halbe Stunde später ohne Vorwarnung in mein Zimmer zu kommen, während ich noch im Bett lag. Ich war so verdutzt über diese Dreistigkeit, dass ich nur “Hey!” sagen konnte, woraufhin sie mit einem “Oh, perdonna” die Tür schloss. Den Grund für diese Störung habe ich bis heute nicht erfahren.

In letzter Zeit hatte ich zudem öfter das Pech diese Frau abzupassen, wenn ich alleine in der WG war. Sie versuchte mit mir über Probleme zu sprechen und diese klein zu reden, weil sie genau weiß, dass ich mich nicht so gut wie die anderen auf spanisch ausdrücken kann, auch wenn ich alles verstehe, was sie sagt. So sagte ich ihr zwei Tage nach ihrem Telefonat mit Sofia, dass hier kein Gasmann oder sonstwer war um nach dem Boiler zu sehen. Wir brauchten eine Weile, um uns zu verstehen. Schließlich begriff sie, dass das Problem noch immer nicht gelöst war und ich wiederum verstand endlich, warum niemand zur Reparatur gekommen war:

Die Nummer, die Sofia hatte, war die eines Gasinstallateurs gewesen, den sie hatte anrufen sollen, damit dieser bei uns vorbei kommt. “Aber warum rufst du denn jetzt nicht den Gasmann an?”, fragte ich Isabel. Ja weil ja Sofia die Nummer habe, sagte sie und verschwand aus der Wohnung.

Endlich Hilfe

Stefan, der Freund von Sofia, wählte endlich die Nummer. Als ich abends nach Hause kam, unterhielten sich Angela und Stefan lauthals lachend mit dem großen, kräftigen Gasmann um die fünfzig. Während eines kurzen Smalltalks mit ihm darüber, woher ich komme und was ich tue, klingelte sein Mobiltelefon. Er reichte es mir. Verdutzt sagte ich “Hola?” und hörte am anderen Ende eine ebenso verdutzte Stimme. Ich gab dem Gasmann sein Telefon wieder. Ich verstand nicht. Er redete sehr schnell und lachte, bis er mir schließlich sagte: “Ach nee, mein Kollege spricht gar kein deutsch, sondern nur italienisch”. Ich muss gestehen, dass ich mit dieser Situation überfordert war. Hier traf spanische Gelassenheit auf deutsche Ungeduld. Was war denn jetzt nun mit dem Gas?

Hören Sie, Señora!

Das Gesicht des Gasmannes wurde nun sehr ernst, als er uns die Fakten erzählte. Der Boiler sei zu klein für sechs Personen, das stehe fest. Er könne repariert werden, doch besser wäre ein neuer. Da wir ihm von der Knauserigkeit unserer Vermieterin erzählten, rief der Gasmann Señora Isabel selbst an. Er klang dabei sehr professionell und sehr ernst. Als sie hörte, dass sie wahrscheinlich Geld bezahlen musste, schrie sie den Mann an, dass er sie ja anlüge und der Boiler sei erst ein Jahr alt. Wir hörten alles durch sein Mobiltelefon hindurch – ohne Lautsprecher.

“Die wollen doch nur Vorzüge haben!” plärrte sie. Nun erhob der Gasmann seine Stimme: “Hören Sie, Señora! Ich bin Gasinstallateur der Gasgesellschaft XY von Katalonien! Sie können mir vertrauen! Es geht um die Sicherheit der Leute, die hier in diesem Haushalt wohnen. Wenn Sie das nicht einsehen, kann ich gerne die Polizei informieren, dass Ihre Wohnung hier nicht den gegebenen Standards entspricht. Entweder Sie lassen den Boiler reparieren oder auswechseln, wobei auswechseln für Sie günstiger sein wird.”

So ging es etwas zehn Minuten weiter, wobei sich der arme Mann unentwegt wiederholen musste, um das Gekeife zu durchdringen. Schließlich sprach Angela noch einmal mit ihr, doch sie wollte noch immer nicht einlenken. “Sollen wir alle in einem Restaurant essen und in einem Hotel duschen? Willst du das bezahlen?“, konterte Angela. Das hatte anscheinend gesessen. Sie kümmere sich darum, dass morgen ein Techniker komme, sagte sie endlich. Wir klatschen ein, dankten dem Gasmann und gingen alle ungeduscht ins Bett.

Neuer Boiler ?

Als ich am nächsten Tag von der Uni nach Hause kam, saß die Señora im Wohnzimmer. Sie erzählte mir, wie sehr sie sich erschrocken habe, als sie die Geschichte gehört hatte. “Ja, das waren wir auch”, sagte ich. Doch dann raunte sie erneut, dass das ja nicht stimmte, was der Mann gesagt hatte. Heute sei ein Techniker da gewesen, der den Boiler gesäubert und repariert habe, sowie sie beruhigt habe, wir bräuchten keinen neuen und nun funktioniere alles. Ich versuchte sie zu überzeugen, dass der Boiler aber nun einmal zu klein sei und es sehr gefährlich sei, so einen Gasboiler zu überhitzen. Da wurde sie wieder laut und schrie. Ich entgegnete ihr nur, dass ich nicht mit ihr diskutieren möchte und uns der Installateur vom Vortag andere Informationen gegeben hatte.

Und nun ?

Beide Gasinstallateure waren von derselben Firma. Mit demjenigen, der zur Reparatur kam, hat nur die Señora gesprochen, da keiner von uns wusste, wann sie kommt und wir nicht in der Wohnung waren. Nun liegt bei uns die Vermutung nahe, dass Isabel dem Mann gesagt hat, sie wolle nicht für ein neues Gerät bezahlen und er solle es nur reparieren. Genaues wissen wir jedoch, wie so oft, nicht.

Der Boiler ist soweit wiederhergestellt, dass wir ihn benutzten können. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er endgültig kaputt geht. Gerade stand ich vor dem zischenden Kasten in der Küche, während einer meiner Mitbewohner duschte. Es war ungewöhnlich heiß vor dem Luftloch aber immerhin riecht es nicht mehr nach Gas.

Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.